Shelina Islam - Freie Redakteurin

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Der große Durst


Südspanien sitzt auf dem Trockenen. Während weite Teile der Welt von Überflutung bedroht sind, geht mitten in Europa ganzen Landstrichen das Grundwasser aus. Wer die spanische Küste Richtung Andalusien fährt, überquert leere Flussbetten, einige von ihnen wurden schon zu Naherholungsgebieten umfunktioniert. Heute denkt man über mehr Nachhaltigkeit nach. Doch der Ausverkauf der Ressource hält an.

Woran es liegt, dass heute kein Wasser mehr im Fluss seiner Kindheit fließt, weiß Paco auch nicht so genau. Vor vierzig Jahren sah es hier jedenfalls noch anders aus. „Da wo jetzt die Rampe vom Stausee endet, stand damals unser Haus“, sagt er und wischt sich den Regen aus den Augen, um besser sehen zu können, was es nicht mehr gibt. „Da unten“, er zeigt in den Abgrund, „wuchs früher der Wein über unsere Terrasse.“ Das war damals. Jetzt ist alles anders. Und Paco kommt nur noch von Zeit zu Zeit vorbei, um über den massigen Staudamm aus Beton zu wandern und ins Almanzora-Tal mit seinem leeren Flussbett zu gucken, das sich zwischen kargen andalusischen Bergen bis zum Mittelmeer schlängelt.

Südspanien lechzt nach Wasser. Während Andalusien auf die vermeintlich übervollen Flüsse im Norden des Landes schielt, schlucken die andalusischen Felder, Golfplätze und Touristenhochburgen jährlich weit mehr, als die natürlichen Wasserquellen des Landes hergeben. Pieter de Pous, Wasserexperte im Europäischen Umweltbüro (EEB), stellt Spanien ein Armutszeugnis in Sachen Ressourcenschutz aus: „Spanien ist weit davon entfernt, die Wasserrahmenrichtlinie zu erfüllen.“ Die legt Maßgaben fest, nach denen die EU-Mitgliedsstaaten im Sinne des nachhaltigen Gewässerschutzes mit der Ressource wirtschaften sollen. Doch das scheint schwer zu bewerkstelligen in einem Land, das mit jährlich über 50 Millionen Touristen zu den weltweit größten Urlaubszielen zählt und zudem den Rest Europas das ganze Jahr über mit frischem Obst und Gemüse aus seinen Intensivanbaugebieten versorgt.

Links und rechts von Pacos Staudamm sieht es trist aus. Wasser führt der Stausee zurzeit kaum, graugrün liegt eine Pfütze am Grund des Sees. Und will man Paco Glauben schenken, war der Wasserstand nie hoch genug, um durch die Schleusen über die große Rampe zu fließen, die ein riesiges Indalo ziert. Das Wahrzeichen von Almería, ein kupfersteinzeitliches Männchen mit Regen-bogen, beschwört den Regen. Doch meist vergeblich.

„Botanisch gesehen ist Almería schon immer eine extrem trockene Region gewesen“, sagt Annette Hauer. Die Sprecherin der Grünen wohnt seit acht Jahren in Almería und setzt sich für eine nachhaltigere Wasserwirtschaft ein. Doch der Einsatz scheitert oft am Desinteresse der Verbraucher. „Unser großes Problem ist das Grundwasser“, sagt sie. „Es versalzt zusehends, und der Grundwasserspiegel ist in den letzten Jahren stark gesunken. Aber es gibt kaum ein Bewusstsein dazu. In den Schulen merkt man an den Kindern, dass das Thema nicht auf den Tisch kommt. Ihnen sagt oft nicht mal das Wort Trinkwasser etwas.“

Seit den 70er-Jahren warnen Klimaspezialisten vor den Folgen des extensiven Wasserverbrauchs in einer Region, die zu den trockensten Europas zählt − und zu den meistbewässerten. Das liegt nicht zuletzt am Wasserpreis, der nach wie vor einer der niedrigsten in Europa ist. „Wenn es so weitergeht“, sagt Annette Hauer, „gibt es in 15 Jahren einfach kein Wasser mehr in der Region.“ Die Grundwasservorräte haben sich dann schlicht erschöpft.

Doch zum Sparen führt die Warnung nicht. Man sucht vielmehr nach neuen Quellen, und eine findet sich direkt vor der Tür: das Mittelmeer. Katalogblau erstreckt es sich wie ein unerschöpfliches Staubecken bis zum Horizont. Mehr als 700 Anlagen zur Meerwasserentsalzung sorgen an den Küsten Spaniens derzeit für Süßwassernachschub. Etliche befinden sich im Bau oder sind in Planung. Eine der größten Entsalzungsanlagen Europas steht in Carboneras, knapp 30 Kilometer südlich des Almanzora-Stausees. Der flache, sandfarbene Bau wirkt unauffällig, eine Palme auf der umzäunten Rasenfläche gibt ihr einen lässigen Anstrich. Das Wasser, das hier entsalzen wird, soll in den Almanzora-Stausee in den Bergen geleitet werden, sobald die dazugehörige Pipeline fertig ist. José Alonso Cózar, Chef der Anlage, erklärt, wie´s funktioniert: „Zentrales Verfahren ist die Umkehr-Osmose. Das Meerwasser wird gefiltert und unter hohem Druck durch eine halbdurchlässige Membran gepresst. Das Salz wird vom Wasser getrennt, übrig bleibt Süßwasser.“
Doch das ist nur zu einem geringen Teil für die Haushalte bestimmt. „Der größte Anteil fließt in die Landwirtschaft“, bestätigt Cózar. Und wagt sich auf unpopuläres Terrain: „Ausgerechnet hier, wo wir gegen die Wüstenbildung kämpfen, sitzt die größte industrielle Obst- und Gemüseproduktion Europas. Das entbehrt jeglicher Logik.“ Das hier produzierte Wasser soll einmal für die Bewässerung von über 7000 Hektar Land reichen. Dass das Verfahren nicht nur effizient, sondern auch umweltverträglich ist, steht für Cózar außer Frage. Durch Mechanik entstehe hier eine verwertbare Ressource, die die Grundwasservorkommen entscheidend entlaste.

Nicht ganz so rosig sieht das die Umweltorganisation World Wide Fund for Nature (WWF). Entsalzungsanlagen können Teil der Lösung sein, aber sie leisten auch der Maßlosigkeit Vorschub: Warum sparen, wenn Süßwasser im Überfluss produziert werden kann? „Die Lösung kann nicht darin liegen, für unerschöpflichen Nachschub zu sorgen“, erklärt Dorothea August vom WWF. Vielmehr gehe es darum, vernünftig mit den vorhandenen Ressourcen umzugehen. Denn solange noch ein letzter Rest Grundwasser vorhanden ist, bewässern nur die wenigsten Landwirte ihre Felder mit dem deutlich teureren Wasser der Entsalzungsanlagen. Auf eine halbe Million wird die Anzahl der illegalen Brunnen in Spanien geschätzt. Mit alarmierenden Folgen: Seit 1996 gelten allein drei der entscheidenden Grundwasserleiter in Almería als übernutzt. Hier, wo über 80 Prozent des Wassers in die Landwirtschaft fließen, wird mehr Wasser verbraucht, als das Grundwasser sich erneuern kann. Doch Missmanagement und eine fehlende Kontrolle des Verbrauchs verhindern bis heute einen effektiven Schutz der verbliebenen Grundwasserressourcen.

Die Investitionswut wird dadurch nicht getrübt. 153 Wasserprojekte werden in Andalusien aktuell angestoßen, die Gesamtinvestitionen belaufen sich auf 140 Millionen Euro. Ein großer Teil davon fließt in Bewässerungsvorhaben. Angesichts des Wirtschaftsfaktors, den die Landwirtschaft im ehemals armen Andalusien heute darstellt, wundert das kaum. Ein Krieg um die kostbare Ressource ist in Spanien längst entbrannt. Seit Jahren sorgt Wasser für Spannungen zwischen einem durstigen Süden und einem Norden, der nichts von seinen Vorkommen abgeben will. Und längst hat der Konflikt auch die EU erreicht. Die verspürt ebenso wenig Grund zur Wassersolidarität. Der Vorschlag Spaniens, bei Engpässen mit Wasser aus den Mitgliedsländern versorgt zu werden, stieß 2008 auf Widerstand unter seinen nördlichen Nachbarn. „Wasser ist eine der kostbarsten Ressourcen, die wir in Europa haben“, sagt Peter de Pous vom Europäischen Umweltbüro. Und davon gibt niemand gern etwas ab.

Oben auf dem Almanzora-Staudamm wendet sich Paco zum Gehen. Er wirft einen letzten Blick über den Ruderkanal, der das obere Flussbett in ein ausbetoniertes Rechteck presst. Im Dorf kommen die Kinder zum Kicken raus. Wenn man die eiserne Brücke überquert, die sich von Ufer zu Ufer schwingt, sieht man das Fußballfeld direkt unter sich. Sechs Tore auf Sand und eine sorgfältig gezogene Aschenbahn drum herum, mitten im Flussbett des Almanzora. Die Mauren gaben dem Fluss seinen Namen: „der Siegreiche“. Doch der Kampf um sein Wasser fängt gerade erst an.

(2009)